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Der Lundehund – die ungewöhnlichste Hunderasse der Welt
Ein Hund, der in seiner Beweglichkeit an eine Katze oder Gemse gemahnt;
beheimatet auf einer der nordnorwegischen Küste vorgelagerten abgelegenen Insel im Nordatlantik;
ein Jagdhund, der „mit den Ohren jagt“;
spezialisiert für die außergewöhnliche Jagd auf einen nicht minder außergewöhnlichen Vogel;
ausgestattet mit einzigartigen anatomischen Besonderheiten, die in dieser Kombination bei keiner anderen Hunderasse zu finden sind;
dreimal in diesem Jahrhundert durch Notruf gerettet, von der kynologischen Landkarte zu verschwinden;
die älteste Hunderasse Norwegens mit abenteuerlicher Vorgeschichte, spannend wie ein Krimi;
eine der seltensten Hunderassen der Welt:
eine wirkliche kynologische Rarität –
das ist der Lundehund!
Der mit circa 31-38 Zentimetern Schulterhöhe und nur sechs bis sieben Kilogramm Körpergewicht ziemlich kleine Lundehund wird – vom Ursprungsgebiet, seiner äußeren Erscheinung, seinen Wesenseigenschaften
und seinem Arbeitsstil her – zwar dem Formenkreis der nordischen Jagdhunde zugerechnet, stellt aber innerhalb dieser Gruppe eine Sonderform dar, die als Spezialist für eine ganz bestimmte Jagdmethode – den
Lebendfang einer speziellen Vogelart – entwickelt wurde. Manche Wissenschaftler halten ihn für eine Art Urhund, der seit vor der letzten Eiszeit existiert und sich auf den abgelegenen Inseln der Lofoten, die während
der letzten (dritten) Eiszeit eisfrei waren, rein erhalten hat. Möglicherweise bestehen enge verwandtschaftliche Zusammenhänge zwischen dem Lundehund und dem sogenannten Varanger Hund - einem Hundetyp, der vor 5000
Jahren in Nordlappland und Russland vorkam.
Anatomische Besonderheiten
Das merkwürdigste und auffallendste am Lundehund sind eine Reihe von anatomischen Besonderheiten, die ihn in des Wortes wahrster Bedeutung einmalig machen:
Als einzige bekannte Hunderasse der Welt besitzt er an jeder Pfote sechs Zehen, wovon je fünf voll entwickelt sind. An den Vorderpfoten sind fünf Zehen dreigliedrig, die sechste Zehe hat zwei
Glieder. An den Hinterpfoten haben vier Zehen je drei und zwei Zehen je zwei Glieder.
An den Vorderpfoten hat der Lundehund acht Zehenballen und noch einen weiteren etwas höher am Lauf. An den Hinterpfoten sind es sieben Zehenballen. Der größte (hinterste) davon hat eine völlig
andere Form als bei anderen Rassen, da er ursprünglich aus zwei Ballen bestand, die sekundär miteinander verwachsen sind.
Auffallend sind auch die sehr beweglichen Schultergelenke, die es gestatten, dass der Lundehund seine Vorderläufe weit zur Seite, fast im 90°-Winkel, abspreizen kann. Ohne dass es ihm weh tut,
kann er fast einen Spagat machen, wobei er in dieser Position immer noch in der Lage ist, seine Pfoten zu bewegen. Die zusätzlichen Zehen an den Vorderpfoten haben vollständig entwickelte Beuge- und
Streckermuskeln, die, zusammen mit dem beweglichen Schultergelenk, für die ganz besondere Fortbewegungsweise des Lundehundes verantwortlich sind. Man sagt, dass der Lundehund mit den Vorderpfoten „paddelt“. Er
ist die einzige Hunderasse, bei der lose Bewegungen der Vorderläufe erwünscht, ja gefordert, sind.
Auch die Nackengelenke sind ungewöhnlich flexibel und erlauben ein vollständiges Zurückbiegen des Kopfes nach hinten bis auf den Rücken. Dies ist ansonsten von keinem anderen Säugetier – mit
Ausnahme des Rentiers – bekannt. Andere Tiere würden sich das Genick brechen, wenn sie den Kopf so weit nach hinten biegen würden.
Außerdem kann der Lundehund die üblicherweise aufrecht getragenen Ohrmuscheln willkürlich nach hinten klappen und die Knorpel zusammen drücken, wodurch der Gehörgang weitgehend verschlossen
wird. Dadurch ist das Ohrinnere gegen das Eindringen von Sand, Erde oder Wasser geschützt.
Obwohl vom Standard ein Scherengebiss gefordert wird, kommt beim Lundehund oft Zangengebiss oder Vorbiss vor. Meist fehlen ihm auch vier Prämolaren.
Der Lundevogel oder Papageitaucher (Fratercula arctica) und seine Bedeutung für die Nordländer
Der Lundehund ist benannt nach dem Vogel, für dessen Fang er ursprünglich gehalten und gezüchtet wurde: dem Papageitaucher (Fratercula arctica), norwegisch „Lunde“ oder „Lundefugl“ (Lundevogel) genannt.
Der Papageitaucher ist ein circa 30 Zentimeter langer und 400-500 Gramm schwerer, kompakt gebauter, zu den Alken gehörender, Seevogel mit großem Kopf und dickem Schnabel - der zur Brutzeit rot, gelb und blau gefärbt
ist (daher der Name „Papageitaucher“) -, der an den kalten Küsten des nördlichen Teils des Atlantischen Ozeans beheimatet ist. Dort lebt er in riesigen Kolonien und brütet an steil abfallenden, unzugänglichen
Felsküsten, so auch den der nordnorwegischen Küste vorgelagerten Inseln des Lofoten-Archipels. Er kommt im März-April an die Vogelfelsen, um dort seine Jungen aufzuziehen und verlässt diese im August wieder. Als
einziger Alkenvogel gräbt er bis zu zwei Meter lange höhlenartige, unterirdische Gänge in die Grasnarben der Felsen und legt dort hinein ganz zuhinterst ein einziges Ei, welches er 40 Tage lang bebrütet. Das Junge
wird nach dem Schlüpfen dann noch circa 40 Tage von den Eltern versorgt. In einer solchen Niströhre brüten oft mehrere Vögel hintereinander.
Für die Nordländer waren diese in großen Mengen vorkommenden Vögel eine willkommene Abwechslung in ihrem, sonst überwiegend aus Fisch bestehenden, kargen Speisezettel und galten als Delikatesse. Die
gerupften und ausgenommenen Vögel salzte man ein und konservierte sie so als Nahrungsreserve in Fässern. Im Winter kochte man aus den eingesalzenen Vögeln eine Suppe. Darüber hinaus waren die Lundevögel für die in
ärmlichen Verhältnissen lebenden Fischer und Kleinbauern von großer wirtschaftlicher Bedeutung, denn die Federn, besonders die Daunen – die als ebenso fein galten wie Eiderdaunen – waren ein gut gehendes, gefragtes
Handelsprodukt. Bereits in der Wikingerzeit verschiffte man diese Produkte aus Nordnorwegen bis in die Handelsstädte nach Schleswig. Die Modelaunen des kontinentalen Europa wirkten sich auf die Vogeljagd und damit
auch auf die Zahl der Hunde aus. Als im 17. und 18. Jahrhundert Daunenkissen in Mode kamen, entstand ein stärkerer Bejagungsdruck auf die Vögel.
Diese Vögel waren jedoch an den enorm steilen Granitwänden nicht einfach zu fangen. Zur Jagd oder, besser gesagt, zum (Lebend-)Fang der Lunde benutzte man traditionellerweise Hunde. Diese mussten sehr
geschickt und wendig sein, um die steilen Felsküsten erklettern zu können, schmal und gelenkig genug, um in die engen Erdhöhlen schlüpfen und kräftig genug, um die lebend herausgezogenen Lundevögel apportieren zu
können. Alle diese Anforderungen erfüllte der kleine, gewandte und robuste Lundehund - auf Grund einer Reihe anatomischer Besonderheiten ein wahrer „Gummihund“, der zu tausend Verrenkungen fähig erscheint und sich
noch an Stellen sicher bewegen kann, wo kein Mensch ohne bergsteigerische Hilfsmittel hin gelangen kann. Nur er allein konnte in die Höhlen der Papageitaucher hineinkriechen, die zu tief oder zu krumm waren, um die
Vögel mit einem menschlichen Arm erreichen zu können.
Der Lundefang mit dem Lundehund: historische Zeugnisse
Die charakteristische Jagd auf den Papageitaucher mit dem dafür optimal geeigneten Hund wird bereits in Reiseberichten des 16. und 17. Jahrhunderts beschrieben, so erstmals im Jahr 1591 von Erik Hansen
Schoneboll, 1664-65 von dem Italiener Francesco Negri, 1700 vom Dichterpfarrer Petter Das, 1779 von Nicolei Jonge, 1807 vom deutschen Geologen Christian Leopold von Buch wie auch vom schwedischen Naturforscher Sven
Nilson. Zitieren wir stellvertretend den Bischof von Bergen, Erik Pontoppidan, aus seinem 1753 erschienenen Buch über die Naturgeschichte Norwegens: „Zum Fangen von Vögeln werden die Hunde vor allem in Nordland
abgerichtet, wo der Vogelfang Vorteile bringt. Dort hält jeder Bauer zwölf bis vierzehn, ja selbst zwanzig solcher Hunde. Sie sind klein und schmal mit kurzen Beinen. Ihre Jagd bereichert den Bauer oft mehr als
jedes andere Gewerbe. Kein Bauer durfte mehr Lundehunde besitzen als sein Nachbar, damit er diesen nicht in seinem Geschäft benachteiligen konnte, so dass es oft zu Zwistigkeiten kam wegen der Anzahl der Hunde.“
Die traditionelle Jagdweise des Lundehundes
Die Jagd auf erwachsene Papageitaucher fand meistens im Frühjahr statt, von Anfang Mai bis Mitte Juni – vierzehn Tage, bevor die Brutzeit begann. In der Regel waren es die Frauen mit ihren älteren
Söhnen, die – nachts, im Widerschein der Mitternachtssonne – auf Lundejagd gingen. Während die Hunde sich über die geröllbedeckten Berghänge verteilten, setzten sich die Jäger auf einen Stein und warteten auf ihre
Rückkehr. Die Hunde schlichen sich raubtierhaft-geräuschlos an die Vogelhöhlen an. Sie jagten ausschließlich mit Hilfe ihres Gehörs, das besonders gut entwickelt ist. Die jungen Lundevögel stoßen Pieptöne aus, die
jenseits des menschlichen Hörvermögens liegen, aber vom Lundehund wahrgenommen werden können und an denen er sich orientierte. Um sich in den Felsen gut zurecht zu finden, waren ihm seine vielen Zehen von großem
Nutzen. Fand er eine besetzte Höhle, so zwängte er sich, Kopf voran, hinein, die Hinterpfoten gerade nach hinten weggestreckt („Bettvorlegerhaltung“). Waren die Niströhren zu niedrig, arbeitete er sich, auf der
Seite liegend, sich drehend und windend, nach innen vor. In dieser Position waren seine Zehen an der Innenseite der Pfoten von Vorteil, denn ohne diese hatte er fast keinen Halt für die Füße. Auch wenn er sich in
Seitenlage umdrehen musste, hatte nur die Innenseite der Füße Greifkontakt mit dem Untergrund. Auch an glatten, steilen Felsen gaben sie ihm zusätzlich Halt. Seine losen Schultergelenke ermöglichten ihm, sich “mit
ausgebreiteten Armen” festzuklammern, wenn er auf schlüpfrigem Felsengrund abrutschte. Bei zu geringer Kopffreiheit war er imstande, sich in Seitenlage in eine Brutröhre hinein zu quetschen. In dieser Position
diente ihm der innerste Zeh als Widerlager. Durch seine einzigartig biegsame Wirbelsäule und die Beweglichkeit seines Nackens war er imstande, in den Höhlen unter der Erde auch auf engstem Raum kehrt zu machen. Das
war insbesondere dann wichtig, wenn er in den engen Brutröhren wenden musste, um wieder zum Ausgang zurück zu kehren. Nach erfolgreichem Fang brachte der Lundehund den erbeuteten Vogel seinem Herrn, der diesen auf
traditionelle Weise tötete. Auch die jungen, gerade aus der Bruthöhle kommenden, besonders fetten und schweren, Jungvögel wurden bejagt. Diese Jagd fand im August statt und dauerte zwei bis drei Wochen. Die Hunde
waren an dieses Jagdterrain Nordnorwegens mit seinen steilen, glatten Klippen und Hängen optimal angepasst und bewegten sich dort mit gemsengleicher Behendigkeit, Wendigkeit und Sicherheit.
So wertvoll wie eine Kuh
Ein guter Lundehund wurde zu jener Zeit dem Wert einer Kuh gleichgesetzt. Nicht ganz ohne Grund, denn ein tüchtiger Hund konnte während der Jagdsaison in einer einzigen Nacht bis zu 130 Lundevögel aus
ihren Höhlen ziehen. 70-80 Vögel waren die Durchschnittszahl, und wenn jeder Jäger 20 bis 25 Hunde mitnahm, konnte man wahrlich große Fänge machen. Jeder Hof besaß drei bis vier Fässer mit je circa 400 eingesalzenen
Vögeln für den Winter. Außerdem erbrachten die Daunen einen guten Zusatzverdienst. Zu jedem Haushalt gehörten mindestens zwei bis drei, oft bis zu zwölf Lundehunde. Größere Gehöfte hatten sogar noch mehr (bis zu 20)
solcher Vogelhunde.
Man nimmt an, dass der Lundefang mit Hilfe von Hunden, wie oben geschildert, auch an der Küste von Island, den Faröern und den Orkney-Inseln betrieben wurde, jedoch liegen darüber bis jetzt keine
gesicherten Unterlagen vor. Jedenfalls scheint sich diese Art von Jagd am längsten, bis ins 19., ja 20. Jahrhundert, hinein auf den kleinen Inseln vor der Küste Nordnorwegens erhalten zu haben. Und der eigens dafür
gezüchtete Hund hatte, als man auf ihn aufmerksam wurde, nur noch auf den sehr isoliert liegenden Inseln Rost und Väroy rein, ohne Einkreuzung anderer Hunderassen, überlebt.
Veränderungen der Jagdweise und Rückgang der Lundehunde
Die über viele Jahrhunderte ausgeübte Vogeljagd mit dem Lundehund änderte sich erst Mitte des vorvorigen Jahrhunderts, als man dazu überging, die Papageitaucher mit Netzen zu fangen. Immer weniger
Nordländer machten sich die Mühe, nach althergebrachter Weise mit dem Lundehund auf Fang zu gehen. Zudem wurde diese Form der Jagd im Jahr 1899 für gesetzeswidrig erklärt. Als Folge dieser Entwicklung ging der
Bedarf an Lundehunden und damit ihre Anzahl immer mehr zurück. Sie gerieten in Vergessenheit.
„Wiederentdeckung“ des Lundehundes
Dass diese Rasse heute noch existiert und nicht gänzlich vom Erdball verschwunden ist, ist drei norwegischen Hundeliebhabern zu verdanken. Zunächst war es der Hundeenthusiast Sigurd Skaun, der den
Lundehund „wiederentdeckte“. Er hatte in alten Schriften aus dem 16. Jahrhundert über die Hunde gelesen, die auf Väroy und Lovlunden für die Jagd auf Lundevögel gebraucht wurden. Um heraus zu finden, ob es solche
Hunde dort noch gab, schrieb er die Bürgermeister der beiden Inseln an. Aus Lovlunden bekam er Antwort, aber dort existierten keine derartigen Hunde mehr. Aus Väroy erhielt er erst im zweiten Anlauf – durch
Vermittlung eines Posthalters aus Bodo, der seinen Kollegen auf Väroy um Mithilfe bat – Auskünfte, aber diese waren hochinteressant. Auf dieser Inselgruppe existierte der Lundehund noch immer leibhaftig und wurde
sogar noch immer für den Lundefang eingesetzt. Er erhielt sogar Fotos von diesen Hunden und veröffentlichte im Jahr 1925 einen Artikel in der Zeitschrift der norwegischen Jagd- und Fischereivereinigung mit dem Titel
„Eine norwegische Vogelhunderasse, die in Vergessenheit gerät“. Der norwegische Kennelklub zeigte sich skeptisch hinsichtlich einer Anerkennung des Lundehundes als eigene Rasse. Man war dort zunächst der Meinung, es
handle sich um einen etwas aus der Art geschlagenen Buhund. Es vergingen noch etliche Jahre, bis dem Kennelklub klar wurde, dass er mit dieser Vermutung nicht ganz richtig lag und um was für eine kynologische
Rarität es sich hier handelte.
Beginn der Rassezucht (1937-1943) und Anerkennung durch den Kennelklub
Im Jahr 1937 stieß Eleanor Christie – eine English Setter-Züchterin – auf den von Skaun verfassten Artikel. Bemühungen, solche Hunde von der Insel Rost zu erhalten, scheiterten daran, dass dort keine
reinrassigen (unverkreuzten) Exemplare mehr existierten. Schlussendlich gelangte Frau Christie in Kontakt mit Monrad Mikalsen in Mastad – einem sehr abgelegenen Ort an der Südwestecke von Väroy -, der als Fischer
und Bauer noch immer mit Lundehunden jagte. Auf Grund seiner isolierten Lage waren nach Mastad wohl noch nie andere Hunde gelangt, und die Menschen dort hatten auch noch nie andere Hunde als Lundehunde gehalten.
Demzufolge waren sie dort vor dem Zweiten Weltkrieg noch als rassereiner Stamm erhalten. Und obwohl man zwangsläufig seit langer Zeit Inzucht betrieben hatte, was auch die äußere Uniformität der Hunde erklärte,
machten sie keinen degenerierten Eindruck.
Zu jener Zeit existierte auf Mastad noch ein Stamm von circa 50 Hunden, auf mehrere Bauernhöfe verteilt. Jeder Hof besaß zwei bis fünf Hunde. Dass es nicht noch mehr waren, lag wohl hauptsächlich an der
Hundesteuer. Später, nachdem die systematische Zucht des Lundehundes in Gang gekommen war, bewirkte Frau Christie bei den Gemeinden Oslo, Baerum, Bergen und Väroy, wo es Lundehunde gab, eine Freistellung dieser
Hunde von der Hundesteuer. Diese Freistellung ist im Prinzip noch heute gültig, obwohl die meisten Lundehund-Besitzer, die heute über ganz Norwegen verteilt wohnen, freiwillig Steuern für ihre Hunde bezahlen.
Monrad Mikalsen besorgte Frau Christie vier kräftige Welpen. Es handelte sich um die Hündinnen HILD, URD und LYCY sowie den Rüden ASK, die im Februar 1939 zu Frau Christie übersiedelten und mit denen
die Rassezucht in Norwegen begann. 1943 war der Bestand dank Frau Christies Zucht schon auf 60-70 Individuen angestiegen, und im gleichen Jahr wurde der Lundehund vom norwegischen Kennelklub als eigenständige Rasse
anerkannt.
SOS zwischen Väroy und dem norwegischen Festland
Im Jahr 1942 brach, da wegen des Krieges kein Impfstoff zu bekommen war, auf Väroy eine Staupeepidemie aus, die nur eine einzige Hündin überlebte, die zu alt war, um mit ihr weiter zu züchten. Monrad
Mikalsen sandte einen Notruf an Frau Christie, die, unter sehr mühseligen Umständen und unter Mithilfe des Schriftstellers Carl Schoyen, zwei Hündinnen, eine davon trächtig, und später noch zwei Hündinnen sowie
einen Rüden auf die Insel schicken ließ, um den Lundehund auf Väroy vor dem Aussterben zu retten. Diese fünf Hunde sowie ein weiterer Rüde aus Svolvaer wurden die Stammeltern aller späteren Lundehunde.
Obwohl OTTER, einer der Welpen, ebenso wie seine Eltern, noch nie im Leben auf einem Vogelfelsen gewesen war, fing er bereits am ersten Tag, an dem Mikalsen ihn mit auf die Jagd nahm, 14 Lundevögel, und
am Tag darauf 80. Später rettete er einem Mädchen das Leben, welches bei schlechtem Wetter im Gebirge abzustürzen drohte. Er biss sich in dessen Rock fest und stemmte sich gegen den Felsen, bis sich das Mädchen mit
Händen und Füßen wieder am Felsen hinauf ziehen und in Sicherheit bringen konnte.
Als im Jahr 1944 bei den Hunden von Frau Christie die Staupe ausbrach und alle Hunde – bis auf ASK – daran starben, erhielt Frau Christie als Dank für ihre frühere Hilfe von Mikalsen im Jahr 1950 zwei
Welpen. Diese erwiesen sich jedoch leider als unfruchtbar. Lange Zeit hindurch lag Frau Christies Zucht danach brach, zum Teil deswegen, weil ihr Mann schwer erkrankte und schließlich starb. Aber sie gab nicht auf,
und nach dem Ableben ihres Mannes unternahm sie, mit nahezu 70 Jahren, einen erneuten Anlauf, den Lundehund zu retten. Von Monrad Mikalsen erhielt sie erneut drei Jungtiere – alle aus einem Wurf vom 31. Januar 1960.
Zwei dieser Hunde warfen bei ihr am 12. August 1961 – nach fast zwanzigjähriger Zuchtpause – erneut Welpen.
Im Jahr 1963 verlor Mikalsen ein weiteres Mal alle seine Hunde, und wiederum kam ihm Frau Christie mit zwei Welpen zur Hilfe, die mit dem Flugzeug nach Väroy geschickt wurden. Der Zufall wollte es, dass
sie genau auf Monrad Mikalsens 75. Geburtstag eintrafen. Im Jahr 1963 existierten in ganz Norwegen gerade mal noch zehn reinrassige Exemplare dieser Rasse.
Die Geschichte der mehrmaligen Errettung des Lundehundes ist fast genauso merkwürdig wie der Hund selbst. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie schnell eine uralte Hunderasse untergehen kann/könnte.
Aber sie ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie achtsame, idealistische und engagierte Liebhaber es schaffen können, eine Rasse zu erhalten. Für den Lundehund war es ein knappes Entrinnen, aber durch Sigurd Skaun
und die beiden Pioniere Monrad Mikalsen und Eleanor Christie konnte die Rasse dem Untergang entkommen. Der Name der drei Pioniere wird für immer mit der Geschichte dieses Hundes verbunden sein, und es ist als ihr
Vermächtnis zu betrachten, dass der Lundehund es geschafft hat, bis ins 21. Jahrhundert zu überleben.
Der Lundehund fasst Fuß im eigenen Land
In den sechziger Jahren begannen sich endlich einige norwegische Hundeliebhaber für diese älteste Rasse ihres Landes zu interessieren, und die Lundehund-Zucht bekam allmählich Auftrieb. Im Jahr 1962
wurde der „Norsk Lundehund Klubb“ gegründet – mit dem Ziel der Erhaltung und Verbesserung dieser ganz besonderen norwegischen Hunderasse. Eine gesteigerte Nachfrage nach diesen Hunden setzte ein, nachdem ein Film
über den Lundehund – aufgenommen auf Väroy – im Fernsehen ausgestrahlt worden war. Hierin war ein zwei Jahre alter Lundehund zu sehen, der das erste Mal in seinem Leben - mit Ausnahmegenehmigung der
Naturschutzbehörde, denn die Jagd auf Papageitaucher war ja inzwischen verboten – am Vogelfelsen arbeitete, als ob er noch nie im Leben etwas anderes getan hätte.
Der Lundehund gelangt ins Ausland
Die Dänin Inger Kristiansen begegnete auf einer Ferienreise nach Norwegen im Jahr 1963 rein zufällig einem der letzten zehn Lundehund-Exemplare und erlag dessen Charme. Bemühungen, einen solchen Hund zu
erwerben, scheiterten vorläufig daran, dass Norwegen ein Exportverbot ausgesprochen hatte, solange der Bestand im eigenen Land nicht wieder mindestens 200 Exemplare betrug. Erst im Jahr 1976 und 1977 durften die
ersten Lundehunde Norwegen verlassen und gelangten nach Dänemark zu Inger Kristiansen. Es waren der Rüde Ogar av Enerhaugen und die Hündin Embla av Valpaasen, mit denen Inger Kristiansen unter dem Zwingernamen
Lundestuens eine dänische Zuchtlinie aufbaute.
Verbreitung
Ende der siebziger Jahre ging man von einem Weltbestand von ungefähr 60 Lundehunden aus. Heute dürfte die Gesamtpopulation, geschätzt, bei maximal 2000 Exemplaren liegen. Im Stammland Norwegen leben
vermutlich an die 1000 Exemplare sowie einige hundert weitere in den anderen skandinavischen Ländern (Dänemark allein kann mit einer Lundehund-Population von circa 200 Individuen aufwarten.). In den USA kommen wir
auf rund 300 Exemplare. Eine Handvoll Lundehunde finden wir, neben anderen Ländern, in den Niederlanden, in Belgien und in der Schweiz sowie in Deutschland (circa 25-30 Individuen). Hier fielen in den siebziger bis
Anfang der achtziger Jahre fünf Würfe bei dem Züchter Rüdiger Jenzen (NORDLANDS) und ein Wurf bei Familie Kuck (FRA LOFOTEN). Danach fiel erst im Jahr 2000 wieder ein Wurf mit zwei Welpen in der Zuchtstätte VON
VAEROE bei Familie Wollnick in Hamburg
Wesen und Besonderheiten
Der Lundehund ist ein lebhafter, verspielter, menschenfreundlicher, aufgeweckter, kluger und sehr charmanter kleiner Hund. Seinen Bezugspersonen gegenüber loyal und anhänglich, verhält er sich Fremden
gegenüber reserviert, jedoch nie aggressiv. Nicht umsonst ist er in Norwegen als Familienhund sehr beliebt. Er gilt als sauber wie eine Katze und verbringt viel Zeit damit, sich zu putzen. Leider ist er eine wenig
fruchtbare Rasse. Pro Wurf fallen nur etwa drei Welpen. Die Lebenserwartung liegt bei circa 12-14 Jahren.
Eine wichtige Besonderheit, die man bei der Haltung eines Lundehundes beachten muss ist die Tatsache, dass Lundehunde Säugetierfette in der Nahrung nur schlecht vertragen. Ihr Organismus ist an eine
Ernährung auf der Basis von Fisch und Vögeln angepasst. Die Aufnahme von anderen tierischen Fetten kann plötzlichen und sehr heftigen Durchfall auslösen, der bis zum Tod führen kann. Man bezeichnet diese Krankheit
als „Lundehundsyndrom“. Zugrunde liegt eine Funktionsstörung des Darmes, wodurch Fette, Eiweiße, verschiedene Vitamine und Spurenelemente nicht richtig resorbiert werden. Nicht alle Lundehunde leiden daran, jedoch
hat die Rasse generell eine Disposition zu dieser Erkrankung. Das Lundehundsyndrom kann in latenter, sporadischer, akuter oder chronischer Form auftreten und nur durch geeignete (diätetische) Ernährung mit sehr
wenig Fett, essentiellen Fettsäuren, wenig Eiweißstoffen, aber essentiellen Aminosäuren, Spurenelementen und Vitaminen kontrolliert werden. Hunde mit leichtem oder sporadisch auftretendem Syndrom können beinahe ein
normales Leben führen und normal alt werden. Auf dem Speiseplan eines Lundehundes sollte also anstelle von Fleisch Fisch (roh oder gekocht), Geflügel, Quark und fettfreies Rindfleisch stehen. Ein sieben Kilogramm
schwerer Hund benötigt etwa 100 Gramm Fisch pro Tag, dazu ausreichend Gemüse, Reis oder Hundeflocken.
Valeria Slembrouk
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